frankieband – Fehmarn Produktion Part 6

Jetzt kommen wir tatsächlich zum wichtigsten Element des Songs: dem Gesang.

Hier geht’s direkt ins Herz. Keine Tricks, kein Blendwerk, kein Studio-Voodoo – nur das, was aus einem selbst herauskommt. Möglichst ehrlich. Möglichst auf den Punkt.

Und genau davor hatte ich den größten Respekt.

Es gibt schließlich tausend gute Ausreden, Gesangsaufnahmen vor sich herzuschieben. Erst muss noch ein Gitarrensound optimiert werden, dann fällt einem plötzlich ein, dass die Snare vielleicht doch noch einen halben dB mehr vertragen könnte und überhaupt… irgendetwas gibt es immer.

Blöd nur, dass das Release-Datum inzwischen feststeht:

13.08.

release 13/08/26

Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Eigentlich wollte ich mir die nötige Inspiration im Urlaub holen. Direkt an der Ostsee. Schräg gegenüber von Fehmarn. Die Insel ständig im Blick. Das musste doch helfen.

Tat es… nur irgendwie anders.

Denn parallel lief die Fußball-WM.

Und Fußball besitzt bekanntlich eine fast schon wissenschaftlich belegte Fähigkeit, sämtliche kreativen Prozesse zuverlässig auf später zu verschieben.

Erstaunlicherweise kamen die besten Ideen dann erst wieder zu Hause.

Text.
Phrasierung.
Mikrofonierung.
Welche Plugins.
Welche Hilfsmittel.

Manchmal braucht der Kopf wohl einfach etwas Abstand, bevor er wieder loslegt.

@frankieband

Part 1 von den vocal recordings der Fehmarn Lieder von der frankieband #frankieband #Fehmarn #logicpro #musicproduction #Røde

♬ Originalton – Frankie


Natürlich war ich immer noch mitten in meiner Experimentierphase.

In der UAD Console habe ich beispielsweise den Blue Stripe 1176 ausprobiert. Der gilt als etwas aggressiver und durchsetzungsfähiger als der Blackface.

Meine Hoffnung: mehr Charakter.

Die Realität:

Brauche ich gar nicht.

Den nötigen Rotz bringe ich von Natur aus schon mit.

Vielleicht ein Andenken an unzählige Nächte in verrauchten Kneipen, Bars und Proberäumen.

Auch mit Saturation-Plugins bin ich inzwischen deutlich vorsichtiger geworden.

An richtig guten Tagen klingt die Stimme ohnehin schon rau genug. Fast schon ein bisschen David Coverdale zu seinen besten Zeiten.

Muss aber gar nicht sein.

Wir bewegen uns schließlich im deutschen Rock-/Pop-Bereich. Eine komplett bluesig zerfetzte Stimme würde eher wie ein Gastauftritt aus einer anderen Band wirken.

Also wieder einmal: die goldene Mitte finden.


Apropos deutscher Rock/Pop…

Endlich ist auch der Songtext fertig geworden.

Ich möchte ihn euch an dieser Stelle gerne vorstellen.

Auf der Brücke nach Fehmarn

 

Schönen guten Morgen

Autobahn

muss zu meinem job

so schnell wie ich kann

Regenradar bin in den Stau gefahren

Oh bitte sag mir warum bin ich hier? 

und nicht mit dir?

Refrain:   

Auf der Brücke nach Fehmarn

Immer wenn wir zur See fahrn

Wir machen Musik an

Und vergessen, daß wir hier warn

Himmelblau, die Zeit steht still

Was ich brauch und was ich will

ist hier, mit Dir

Ouuu In der Firma brennt schon licht

doch Ich war es nicht

hier geht jobben und mobben und jobben und mobben und immer Stunden kloppen

Doch das Is allen egal

Weils immer schon so war

Oh bitte sag mir warum bin ich hier? 

und nicht mit dir?

Refrain:

Auf der Brücke nach Fehmarn

Immer wenn wir zur See fahren

wir drehen die Musik an

Und vergessen, daß wir hier warn

Himmelblau, die Zeit steht still

Was ich brauch und was ich will

ist hier, mit Dir

Auf der Brücke nach Fehmarn 

Komm lass uns losfahrn

(Outro) irgendwann, da bleib ich hier

Und lass alles hinter mir mit dir


Im Grunde erzählt der Song etwas, das wahrscheinlich viele kennen.

Man sitzt morgens im Auto auf dem Weg zur Arbeit. Ein Job, der einen nicht wirklich erfüllt. Aber man zieht ihn durch, weil Rechnungen nun mal erstaunlich wenig Verständnis für Selbstverwirklichung haben.

Und gleichzeitig gibt es dieses Ziel vor Augen:

Ein paar Tage raus.

Mit dem Menschen, den man liebt.

Musik an.

Durchatmen.

Alles andere einfach mal vergessen.

Fehmarn steht dabei weniger für einen Ort als für genau dieses Gefühl.


In Part 7 geht es dann endlich an die eigentliche Gesangsbearbeitung.

Ein Thema, über das man wahrscheinlich ein ganzes Buch schreiben könnte.

Irgendwann muss man sich allerdings selbst zur Ordnung rufen, aufhören, an jedem Regler zu drehen, und wieder zum Wesentlichen zurückkehren.

Denn am Ende entscheidet meistens nicht das Plugin.

Sondern der Song.

 

frankieband – Fehmarn Produktion Part 5

Mach Deinen Sound einzigartig!

Was für ein Anspruch schon wieder.

Da kann einem durchaus die Birne drüber platzen. Insbesondere dann, wenn man – wie ich in Part 4 – noch die hervorragenden Eigenschaften millisekundentreuer Kompression propagiert und alles durch den blitzsauber arbeitenden SSL Bus Compressor jagt.

Sagen wir mal so: Klar arbeitet der SSL ordentlich und hebt die jeweiligen Charaktere der einzelnen Busse präzise hervor.

Aber will man das wirklich?

Bei dieser Frage muss ich unweigerlich an meine alte Band und die vielen Stunden im Proberaum denken. Damals hat sich jeder mittels Volume-Poti selbst gemischt, bis der Sound halbwegs stand.

Das Schlagzeug. Der Bass. Die Stimme. Die Gitarren.

Irgendwann harmonierte alles miteinander und man hatte seinen Sound gefunden.

Der Trick dabei: Die Instrumente mussten sich ein wenig überschneiden. Es entstand ein Sound-Layering. Nichts war komplett isoliert. Alles griff ineinander.

Viele Producer machen heute genau das Gegenteil und versuchen, jedes Instrument glasklar in den Vordergrund zu mischen.

Meiner Meinung nach ist das sogar ziemlicher Quatsch.

Zu dieser Erkenntnis kam ich mitten im Mixing-Prozess und habe konsequenterweise sämtliche ausgeklügelten Bus-Kompressor-Einstellungen wieder über den Haufen geworfen. Die SSLs flogen hochkant aus dem Projekt.

So nach dem Motto:

“Vielen Dank für das Gespräch. Wir melden uns, falls es akut werden sollte.”

Nach reiflicher Überlegung habe ich stattdessen die eigentlich für die Einzelkanäle vorgesehenen 1176-Kompressoren auf die Busse losgelassen.

Und nach einigem Hin und Her hatte ich plötzlich genau das, was ich eingangs erwähnt habe:

Einen einzigartigen Sound.

Fangen wir beim Bass an.

In der Strophe funky, verspielt und mit kleinen Verzierungen ausgestattet. Im Refrain dagegen stumpf auf die Eins und Druck machen – ohne dabei langweilig zu klingen.

Dafür gibt es tatsächlich eine kleine Wunderwaffe:

Den 1176 Rev A.

Die besondere Klangeigenschaft dieses Kompressors ist seine Aggressivität in den Mitten. Dieses Knurren. Diese Fingergeräusche beim Zupfen der Saite. Dieser leicht freche Unterton, als wolle der Bass sagen:

“Pass auf, ich spiele hier nicht nur Grundtöne.”

Natürlich nicht zu viel davon. Deshalb bin ich für den Mix-Knob äußerst dankbar, mit dem sich der Kompressor wunderbar parallel hinzumischen lässt.

Jetzt überschneidet sich der Bass leicht mit der Stratocaster, die ihre schrägen Chords vor sich hinschrabbelt.

Und plötzlich bildet beides eine Einheit.

Leicht verwaschen, aber trotzdem klar im Mittenbereich ortbar.

Genau so soll das.

Die Klampfe hingegen musste etwas entschärft werden.

Zu prägnant. Zu aggressiv.

Sie verschaffte sich im oberen Mittenbereich reichlich Platz und säbelte dabei gerne mal den Gesang ab.

Typisch Gitarrist.

Für den Spieler meist großartig.

Für den Zuhörer auf Dauer eher anstrengend.

Hier hilft der RevLN-Kompressor ganz vorzüglich aus.

Er macht den Sound runder, wärmer und zügelt die Aggressivität, die der Neve Channel zuvor großzügig verteilt hat.

Man muss zwar etwas herumfummeln – insbesondere am winzigen Headroom-Regler, für dessen Bedienung man eigentlich Uhrmacher sein müsste – aber die Tüftelei lohnt sich.

Der Kompressor macht genau das, wohin man eigentlich von Anfang an wollte.

Und zu guter Letzt habe ich sogar meinen eigentlich favorisierten Distressor rausgeschmissen.

Er pumpte die Drums ordentlich auf.

Irgendwie geil.

Irgendwie aber auch ein wenig zu viel des Guten.

Der 1176 AE beginnt seine Ratio bereits bei 2:1, was dem Schlagzeugsound eine unglaubliche Präsenz verleiht.

Den letzten Rest Dreck hole ich mir aus den Raummikrofonen, die gleichzeitig noch etwas Atmosphäre und Hall in den Gesamtsound bringen.

Bei Input und Output darf man ruhig hemmungslos herumdrehen und ausprobieren, bis genau das Level erreicht ist, das man sucht.

So habe ich inzwischen eine komplette Neve-/1176-Galerie zum Angeben.

Muahaha.

Aber im Ernst:

Der digitale Sound wird dadurch derart aufgewertet, dass man tatsächlich das Gefühl bekommt, in einem hervorragend ausgestatteten Studio zu sitzen.

Ach übrigens:

Die Fehmarn-Produktionsreihe muss jetzt erst einmal eine kleine Pause einlegen, bevor wir zum wichtigsten Element der gesamten Produktion kommen:

Dem Gesang.

Der Grund ist denkbar einfach:

Ich fahre nach Fehmarn. In echt.

Wir campen an der Ostsee, genießen die Aussicht und philosophieren bei einem kleinen – oder auch mehreren – Gläsern Rotwein über Musikproduktion.

Alternativ tut es natürlich auch ein kühles Flensburger.

Plöpp!

frankieband – Fehmarn Produktion Part 4

Erinnert ihr euch vielleicht noch, was ich in Part 1 über den Schlagzeugsound gesagt habe? Von wegen die einzelnen Kanäle vor dem Export bereits mit einem EQ versehen, so ähnlich wie bei einem Live-Mischpult?

Alles Quatsch!

Löscht das bitte umgehend aus eurem Gedächtnis. Sofort.

(The worst advice ever.)

Hab ich allerdings auch erst nach ausgiebigem Rumprobieren und mehreren mittelschweren Sinnkrisen selber rausgekriegt.

Zum einen klingen die Sounds aus dem Schlagzeug-Kit ja bereits wie ein ordentlich aufgenommenes Schlagzeug. Zum anderen schränkt einen so ein hochdramatischer Eingriff später im Mix enorm ein.

Wer kennt es nicht? Die Kick klingt wie ein hohler Eimer. Also Plugin drauf. Dann noch eins. Vielleicht noch ein Drittes, weil’s ja jetzt fast gut klingt.

Im Solobetrieb natürlich sensationell.

Im Mix hört man dann allerdings nur noch Kick.

Also Kick wieder leiser. Plötzlich ist sie komplett verschwunden und die ganze Produktion klingt, als würde sie aus einem Küchenradio von 1983 übertragen werden.

Also revidiere ich hiermit ganz offiziell meinen ultimativen Super-Soundhack und beginne mit der Abmischung wieder von vorne.

(Ist ja nicht so, als hätte ich keinen Spaß daran, stundenlange Arbeit spontan wieder über den Haufen zu werfen.)

Sowohl für Kick als auch Snare benutze ich nun zwei leicht gegensätzliche EQ-Einstellungen für den jeweiligen Bus:

 

 

Wie ihr seht, habe ich dem Kick-In-Sound auch etwas Low-End gegönnt und den oberen Mittenbereich nicht mehr ganz so aggressiv bearbeitet. Gleichzeitig darf der Kick-Out-Sound auch ein bisschen atmen und bekommt etwas mehr Headroom.

Der eigentliche Zauber passiert jetzt im Kick-Bus. Dort werden die beiden Signale mit viiiiiel Feingefühl austariert, bis daraus ein vernünftiges Gesamtsignal entsteht.

Die endgültige Lautstärkeentscheidung fällt dann sowieso erst im Gesamtmix.

Hört euch mal ein paar professionelle Rockproduktionen an. Ich staune immer wieder, wie dezent dort Kick und Bass teilweise eingesetzt werden. Und dann muss ich mich regelmäßig selbst daran erinnern, dass ich hier weder Hip-Hop noch EDM mische.

Nee.

Hier ist Rock angesagt.

Da stehen die Gitarren vorne.

Und der Gesang sollte idealerweise auch noch irgendwo stattfinden.

Auch im Kick-Bus habe ich wieder einiges geändert. Teilweise bin ich vom UAD 1176 weg und nutze stattdessen einen recht unspektakulären Logic-internen Kompressor mit 1176-Charakter.

Der große Vorteil: Ich kann Attack- und Release-Zeiten exakt einstellen.

Diese Werte klaue ich übrigens völlig schamlos bei tuneform.com. Dort gibt es Tabellen mit den entsprechenden Millisekundenwerten von 64stel- bis Viertelnoten – abhängig vom Songtempo.

Tempo eingeben.

Zahl ablesen.

Fertig.

Manchmal darf das Leben auch einfach sein.

Gilt übrigens genauso für Hall- und Delayzeiten.

 

Mit dem Kompressor mache ich den Sound im Prinzip nur etwas konsistenter. Kein dramatischer Eingriff. Ratio um die 2:1, Threshold nur so weit, dass die Nadel ein bisschen herumzappelt und beschäftigt aussieht.

Im Drum-Bus habe ich mich außerdem von diversen Saturation-Plugins verabschiedet und leider auch den Distressor an den Nagel hängen müssen.

Tat ein bisschen weh.

Ich mag den Sound wirklich gerne.

Aber nur weil man etwas mag, heißt das leider noch lange nicht, dass es in den Song gehört. Eine Erkenntnis, die man als Produzent ungefähr genauso oft lernt wie vergisst.

Da ich durch das Sound-City-Modul ohnehin schon diesen brachialen Room-Sound habe, brauche ich keine zusätzliche Sättigung mehr.

Lediglich einen parallelen SSL-Bus-Kompressor und den Oxford Inflator, damit alles etwas dreidimensionaler wirkt und die Peaks eingefangen werden.

That’s it.

So, das war’s erstmal mit dem Drumsound.

Die Moral von der Geschichte?

Weniger ist mehr.

Und niemals das große Ganze aus den Augen verlieren.

Denn entscheidend ist nicht, wie geil die Snare solo klingt.

Entscheidend ist, in welchem Stadion man gerade spielt.