Mach Deinen Sound einzigartig!
Was für ein Anspruch schon wieder.
Da kann einem durchaus die Birne drüber platzen. Insbesondere dann, wenn man – wie ich in Part 4 – noch die hervorragenden Eigenschaften millisekundentreuer Kompression propagiert und alles durch den blitzsauber arbeitenden SSL Bus Compressor jagt.
Sagen wir mal so: Klar arbeitet der SSL ordentlich und hebt die jeweiligen Charaktere der einzelnen Busse präzise hervor.
Aber will man das wirklich?
Bei dieser Frage muss ich unweigerlich an meine alte Band und die vielen Stunden im Proberaum denken. Damals hat sich jeder mittels Volume-Poti selbst gemischt, bis der Sound halbwegs stand.
Das Schlagzeug. Der Bass. Die Stimme. Die Gitarren.
Irgendwann harmonierte alles miteinander und man hatte seinen Sound gefunden.
Der Trick dabei: Die Instrumente mussten sich ein wenig überschneiden. Es entstand ein Sound-Layering. Nichts war komplett isoliert. Alles griff ineinander.
Viele Producer machen heute genau das Gegenteil und versuchen, jedes Instrument glasklar in den Vordergrund zu mischen.
Meiner Meinung nach ist das sogar ziemlicher Quatsch.
Zu dieser Erkenntnis kam ich mitten im Mixing-Prozess und habe konsequenterweise sämtliche ausgeklügelten Bus-Kompressor-Einstellungen wieder über den Haufen geworfen. Die SSLs flogen hochkant aus dem Projekt.
So nach dem Motto:
“Vielen Dank für das Gespräch. Wir melden uns, falls es akut werden sollte.”
Nach reiflicher Überlegung habe ich stattdessen die eigentlich für die Einzelkanäle vorgesehenen 1176-Kompressoren auf die Busse losgelassen.
Und nach einigem Hin und Her hatte ich plötzlich genau das, was ich eingangs erwähnt habe:
Einen einzigartigen Sound.
Fangen wir beim Bass an.
In der Strophe funky, verspielt und mit kleinen Verzierungen ausgestattet. Im Refrain dagegen stumpf auf die Eins und Druck machen – ohne dabei langweilig zu klingen.
Dafür gibt es tatsächlich eine kleine Wunderwaffe:
Den 1176 Rev A.
Die besondere Klangeigenschaft dieses Kompressors ist seine Aggressivität in den Mitten. Dieses Knurren. Diese Fingergeräusche beim Zupfen der Saite. Dieser leicht freche Unterton, als wolle der Bass sagen:
“Pass auf, ich spiele hier nicht nur Grundtöne.”
Natürlich nicht zu viel davon. Deshalb bin ich für den Mix-Knob äußerst dankbar, mit dem sich der Kompressor wunderbar parallel hinzumischen lässt.
Jetzt überschneidet sich der Bass leicht mit der Stratocaster, die ihre schrägen Chords vor sich hinschrabbelt.
Und plötzlich bildet beides eine Einheit.
Leicht verwaschen, aber trotzdem klar im Mittenbereich ortbar.
Genau so soll das.
Die Klampfe hingegen musste etwas entschärft werden.
Zu prägnant. Zu aggressiv.
Sie verschaffte sich im oberen Mittenbereich reichlich Platz und säbelte dabei gerne mal den Gesang ab.
Typisch Gitarrist.
Für den Spieler meist großartig.
Für den Zuhörer auf Dauer eher anstrengend.
Hier hilft der RevLN-Kompressor ganz vorzüglich aus.
Er macht den Sound runder, wärmer und zügelt die Aggressivität, die der Neve Channel zuvor großzügig verteilt hat.
Man muss zwar etwas herumfummeln – insbesondere am winzigen Headroom-Regler, für dessen Bedienung man eigentlich Uhrmacher sein müsste – aber die Tüftelei lohnt sich.
Der Kompressor macht genau das, wohin man eigentlich von Anfang an wollte.
Und zu guter Letzt habe ich sogar meinen eigentlich favorisierten Distressor rausgeschmissen.
Er pumpte die Drums ordentlich auf.
Irgendwie geil.
Irgendwie aber auch ein wenig zu viel des Guten.
Der 1176 AE beginnt seine Ratio bereits bei 2:1, was dem Schlagzeugsound eine unglaubliche Präsenz verleiht.
Den letzten Rest Dreck hole ich mir aus den Raummikrofonen, die gleichzeitig noch etwas Atmosphäre und Hall in den Gesamtsound bringen.
Bei Input und Output darf man ruhig hemmungslos herumdrehen und ausprobieren, bis genau das Level erreicht ist, das man sucht.
So habe ich inzwischen eine komplette Neve-/1176-Galerie zum Angeben.
Muahaha.
Aber im Ernst:
Der digitale Sound wird dadurch derart aufgewertet, dass man tatsächlich das Gefühl bekommt, in einem hervorragend ausgestatteten Studio zu sitzen.
Ach übrigens:
Die Fehmarn-Produktionsreihe muss jetzt erst einmal eine kleine Pause einlegen, bevor wir zum wichtigsten Element der gesamten Produktion kommen:
Dem Gesang.
Der Grund ist denkbar einfach:
Ich fahre nach Fehmarn. In echt.
Wir campen an der Ostsee, genießen die Aussicht und philosophieren bei einem kleinen – oder auch mehreren – Gläsern Rotwein über Musikproduktion.
Alternativ tut es natürlich auch ein kühles Flensburger.
Plöpp!